Einzelausstellung im Museum Villa Stahmer in Georgsmarienhütte
8. März – 19. April 2020

Judith Kaminski

Einführende Worte von Eric C. Erbacher

Die Künstlerin Judith Kaminski, die in Kamp-Lintfort geboren wurde und Meisterschülerin bei Prof. Klaus Merkel an der Kunstakademie Münster ist, hat für die Ausstellung den Titel Nēnē XING gewählt.

Nēnē XING – dies ist ein Titel, der zunächst verwirren mag. Was hat ein so exotisch klingender und kryptischer Titel mit einer Kunstausstellung in den ehrwürdigen gründerzeitlichen Räumlichkeiten der Villa Stahmer zu tun? Wird mit den beiden Worten reine Lautmalerei betrieben und soll damit auf das Genre der Malerei der hier gezeigten Arbeiten von Judith Kaminski verwiesen werden?

In diesem Fall könnte das erste Wort Nēnē mit seiner weichen und warmen Klangfarbe an zarte Pinselstriche erinnern, während das zweite Wort XING härter und kühler klingt, und, nicht zuletzt durch das gleichnamige berufliche Onlinenetzwerk, Assoziationen der digitalen Welt hervorruft.

Beide Aspekte finden sich durchaus in Judith Kaminskis Arbeiten, und auf beide werde ich im Folgenden näher eingehen. Jetzt allerdings möchte ich Sie nicht länger warten lassen: Der Titel Nēnē XING, wie Sie es auch auf einer der hier gezeigten Zeichnungen sehen können, ist einem hawaiianischen Verkehrsschild entnommen, mit dem vor die Straße kreuzenden – XING – hawaiianischen Wildgänsen – Nēnē genannt – gewarnt wird.

Mit diesem Titel verweist Kaminski, nicht nur auf den Ort der Inspiration für viele der hier gezeigten Arbeiten, nämlich Hawaii, sondern auch auf die vielen ihrer Werke zugrundeliegende Technik, analoger Malerei mit digitalen Drucken zu kombinieren.
Darüber hinaus ist diese Titelwahl exemplarisch für eine von Kaminskis zentralen künstlerischen Strategien: Sie bedient sich vor Ort gefundener ästhetischer Objekte – seien es malerische Begriffe, ornamentale Formen, oder florale Motive – und setzt diese in eigenständigen Arrangements in ihren Bildern jeweils neu zusammen.

Häufig werden dabei digitale und analoge Mittel des Bildermachens in einer Art und Weise kombiniert, die die Frage nach den Möglichkeiten – und der Weiterführung von – Malerei im digitalen Zeitalter mit Nachdruck beantwortet. …

Für Kaminski lautet diese Antwort: Die analoge Malerei mit Öl oder Acryl auf Leinwand wird nicht anstelle einer digitalen Erstellung von Bildern gedacht, sondern geht eine bildliche Symbiose ein, die die Betrachter mit einem komplexen ästhetischen System in ihren Bann zieht.

Dabei bedient sich die Malerin der wichtigsten Charakteristika beider Techniken: Sie nutzt die Möglichkeiten der computergenerierten Bildvervielfältigung und Bildzusammenstellung und kombiniert diese auf Leinwand gedruckten Arbeiten mit gezielten malerischen Setzungen.

Die Motive der digitalen Bilderzeugung haben dabei, wie bei den hier gezeigten Arbeiten, einen unmittelbaren Bezug zum Ausstellungsort, sind sie doch mit der Fotokamera festgehaltene Ornamente auf Kacheln, Muster auf Tapeten, Strukturen der Marmorverkleidung und Schnitzereien auf Schränken. Diese meist floralen ornamentalen Fundstücke werden freigestellt und mit einem digitalen 3D-Programm zu einem Bild zusammengesetzt und schließlich auf Leinwand gedruckt.

Obwohl die einzelnen Ornamente in ihrem Ortsbezug klar erkennbar bleiben, werden sie durch ihre Freistellung dekontextualisiert und können so von Kaminski als neues Ornament frei reproduziert und arrangiert werden – sei es in regelmäßiger Zweidimensionalität oder in frei schwebender Dreidimensionalität.

Diesen, durch ihre ästhetische Glattheit und Perfektion offensichtlich computergenerierten, Bildern setzt die Künstlerin ihre schnell gemalten Pinselstriche entgegen, mit denen sie die Bilder vervollständigt. Einerseits legt sich die Malerei – ebenfalls mit floralen Motiven – dabei wie eine neue zweidimensionale Form über und neben die digitalisierten Motive, andererseits bekommt das Bild erst durch diese oft pastosen malerischen Setzungen eine haptische Oberfläche und Struktur.

Das digital zusammengesetzte Bild mit seiner perfekten, aber eben auch glatten, Illusion von Dreidimensionalität wird so mit den sichtbaren Pinselstrichen zu einem ornamentalen Gesamtwerk kombiniert, welches mit seinen komplexen Überlagerungen verschiedener Bildebenen und Bilderzeugungsmedien den Betrachter immer wieder herausfordert.

Doch damit ist Judith Kaminskis Malerei des Arrangements noch nicht am Ende: Wie im hintersten Raum zu sehen, können die aus einzelnen floralen und analog sowie digitalen Elementen zusammengesetzten Bilder ebenfalls wieder Bestandteil größerer Bilder werden, wenn Kaminski diese auf einer größeren Leinwand wie in einer Ausstellung arrangiert und durch eine dahinterliegende Struktur – einer Tapete oder einem Algorithmus gleich – verbindet. Das Resultat ist ein faszinierendes Spiel mit Mustern und Motiven, mit Bildebenen und Bildkonstruktionen sowie mit Wiederholungen und Variationen. …

Auch bei Judith Kaminskis Zeichnungen steht der ornamentale Charakter des Floralen in seinen immer wieder neuen Kombinationsmöglichkeiten im Vordergrund. Anregungen zu den Motiven der meist stark farbigen Zeichnungen findet sie sowohl im alltäglichen häuslichen Umfeld durch Vasen oder Zimmerpflanzen als auch auf Reisen, allen voran auf ihrem den Ausstellungstitel inspirierenden Aufenthalt auf Hawaii. Die dort und woanders gesehenen floralen Motive werden Großteils direkt zeichnerisch auf Papier festgehalten und dienen damit quasi als Archiv von Kaminskis Seh-Erlebnissen.

Diese sich immer weiter fortentwickelnde Zeichnungssammlung von floralen Ornamenten, ob von realen Pflanzen oder von bereits bearbeiteten Blütenornamenten wie die der berühmten Hawaiihemden, dient der Künstlerin wiederum als Archiv für weitere zeichnerische Arbeiten. Ähnlich wie bei den digital-analogen Malereien kombiniert sie so auch bei den Zeichnungen – nun allerdings gänzlich analog – verschiedenste Ornamente und Muster zu einem Gesamtwerk.

So wird das Gitter eines Maschendrahtzaunes zum Muster auf einer Vase, das Dekor eines Hawaiihemdes zu einer Blumentischdecke und die hawaiianische Blüte findet sich im Spiegel eines gekachelten Badezimmers.

Und so wird auch hier Judith Kaminskis konzeptuell-künstlerische postmoderne Arbeitsweise sichtbar und deutlich: Wie bei den digital-analogen Malereien nutzt sie auch in den Zeichnungen das dekontextualisierte – gewissermaßen also freigestellte – Ornament als frei verfügbares visuelles Zeichen, das zwar ursprünglich einen konkreten Ortsbezug hat, das allerdings vor allem als ästhetische Chiffre dient.

Zum einen spielt Kaminski damit auf die zeit- und raumlose universelle ästhetische Kraft des Ornamentes an. Zum anderen verweist sie auf den grundsätzlichen Charakter von Malerei: Bilder sind aus einzelnen Bestandteilen arrangierte Kombinationen von freigestellten Ornamenten. Kaminskis digital bearbeitete Bilder machen dies deutlich.

Dies ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal der postmodernen und digitalen Ära: Auch Maler und Künstler in vordigitalen Zeiten suchten sich ihre ästhetischen Gestaltungselemente aus ihren dekontextualisierten visuellen Archiven zusammen und konstruierten so neue Bilderwelten.

Dies zeigt Kaminski durch ihren Schwerpunkt auf Blüten und Blumen als Gestaltungsmittel, da sie hiermit unmittelbar an die lange Tradition floraler Ornamente und des Blumenstillebens anknüpfen kann und so spannende ästhetische und konzeptuelle Verbindungen zwischen der analogen Vergangenheit und der digitalen Gegenwart offenbart.

Eric C. Erbacher, Kulturwissenschaftler aus Münster

Judith Kaminski

Judith Kaminski

Museum Villa Stahmer

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49124 Georgsmarienhütte
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