Judith Kaminski

In Judith Kaminskis Malerei, die durch Muster und Ornament geprägt ist, beschäftigt sich die Künstlerin zum einen mit Fragen von Digitalität in der Malerei, zum anderen mit Figur-und-Grund-Beziehungen, sowie mit Illusion und Täuschung.

Dabei werden die Bildebenen so eingesetzt, dass sie in der Betrachtung hin und her springen und Vorder- und Hintergrund oft undefiniert lassen.

Die prägnanten Formgebilde sind als Träger von malerischer Information – als Leinwand auf der Leinwand, die einen legitimen Raum für ihre blumige Motivik schafft – entstanden.

Diese Gebilde erhalten jedoch zunehmend einen autonomen Charakter und tauchen in ihrer digital anmutenden Malerei als selbstständiges und selbstverständliches Element auf.

Judith Kaminski

 

 

Interview für das Magazin o.T.
vom 24. Oktober 2017
Marie Schubert – Judith Kaminski

 

 

Wie hat das bei Dir mit dem floralen Muster und dem immer wiederkehrenden Objekt angefangen?

Es ging eigentlich alles von einem Bild aus. In einer Modezeitschrift hatte ich ein Laufsteg-Model gesehen, welches ein überdimensioniertes Kleid trug, das ein florales Muster hatte. Ausgehend von diesem Motiv habe ich, vor ungefähr 2 1 ⁄ 2 Jahren eine Radierung angefertigt. Im Prozess hat sich das Muster bereits verändert, weil ich die Merkmale herausgepickt habe, die mich am meisten interessiert haben. Dieses Muster habe ich weiterverwendet und weiterentwickelt – in jedem Bild sah es ein bisschen anders aus. Und auch andere florale Elemente, zum Beispiel von meinem Lieblingshalstuch, kamen dazu. Es gab diesen einen Startpunkt, und dann hat sich die Entwicklung des Blumenmusters verselbstständigt.

Also Textil als Ausgangspunkt?
Ja genau, Kleidung. Am Anfang war es so, dass diese Muster auch in der Malerei an Kleidung gebunden waren. Doch, dass das Bild eine Figur zeigte, die ein Kleid trug war eigentlich schon zu viel irrelevante Information – obwohl von der Figur nicht einmal der Kopf zu sehen war, rückte sie zu sehr in den Vordergrund. Denn eigentlich ging es nicht um die Figur, sondern wirklich nur um das Kleid als plausible Fläche für Muster. Also als Träger der malerischen Information. Dann entwickelte ich die Form, als abstraktes Gebilde, welches das Muster tragen bzw. aushalten kann.

Diese Form oder Formen wirken für mich wie Elemente die man aneinander stecken kann.
Die Form, ich nenne sie auch Gebilde ersetzte quasi das Kleid. Mit Puzzle oder Ähnlichem hat es für mich nichts zu tun. Es bietet mir eine neutrale Fläche, die ein Muster bekommen kann. Das hat mir viele neue Möglichkeiten eröffnet. Irgendwann wurde die Form selbst Element des Musters, wodurch sie für mich eine neue Selbstverständlichkeit und Autonomie erhielt. Gleichzeitig eröffnet sie mit ihrem dreidimensional-wirkenden Rand ein Ebenenspiel.

Was genau meinst Du mit „Ebenenspiel“?
Man kann die Form als Ding wahrnehmen, welches als Objekt im Raum schwebt, aber gleichzeitig ist es auch ein Loch – ein Fenster, das den Blick in eine hinteren Ebene gewärt. Man könnte quasi hindurch schweben oder seinen Kopf durch- stecken. Entweder ist die Form vorne oder hinten. Man kann sozusagen zwischen den Ebenen hin und her switchen. Der Betrachter kann selbst aussuchen, was Vorder- oder Hintergrund ist.

Für mich hat es auch etwas Surreales.
Hast Du demnächst vor die Malerei mehr in den dreidimensionalen Raum zu bringen?

Ja schon, aber virtuell. Ich probiere gerade viel mit dem 3D-Programm Cinema 4D aus. Bei der Betrachtung meiner Bilder kam mir immer wieder der Gedanke oder eher der Wunsch visuell in die Bilder einzutauchen und an den Objekten vorbei, durch die Ebenen hindurch zu schweben. Das hätte ich super gerne verbildlicht, als 3D Animation.

Wie wählst Du die Farben?
Die sind schon ziemlich knallig und kontrastreich.
Also braun benutze ich zum Beispiel überhaupt nicht, das ist gar nicht meine Farbe. Es geht in eine knallige Richtung, mit vielen pastelltönen und Kontrasten, das stimmt. Ich sitze oft sehr lange vor den Bildern und überlege, welche Farbe be- kommt diese Fläche jetzt? Manchmal male ich im Nachhinein noch eine andere Farbe drüber, weil es doch noch nicht ganz passte. Es dauert schon ziemlich lange so penibel zu malen. Aber das habe ich mir ja selbst eingebrockt (lacht). Da ich meistens zuerst den Hintergrund male, müssen alle Flächen die darauf kommen häufig zweimal übermalt werden bis die Ölfarbe deckt. Es kann wirklich lange dauern bis ein Bild fertig ist.

Gibt es kommende Ausstellungen?
Ja, im Künstlerhaus Dortmund im Dezember.
Für die Ausstellung hab ich eine große Wandmalerei geplant, die 4 x 9 m groß wird. Die ganze Wand wird mit einem Muster versehen, also mit dem typischen Muster aus meiner Malerei. Darauf werden dann meine Bilder gehängt, die ich seit letztem Jahr angefertigt habe. Die Leinwände haben farbige Kanten bekommen, sodass diese dann zu einem Objekt werden, weil sie dadurch wie die Gebilde selbst in die Malerei integriert werden. Es kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet. Der Rand ist wie der Rand der Formen in der Malerei. Und auch hier gehe ich in den dreidimensionalen Raum – die Leinwand wird zum Objekt.

Mir kommt gerade in den Sinn die Form der gemalten Teile zu bauen?
So shaped-canvas-mäßig, genau das hab ich auch schon mal überlegt, aber eigentlich widerstrebt mir das ein bisschen im Moment. Ich habe schon mal aus Holz solche Teile gemacht. Die hatten aber eher einen Modellcharakter und helfen bei der Bildgenese. Wenn man sowas haptisch in der Hand hält, ist das nochmal ein anderer Zugang zu dem Motiv. Um auch mal zu gucken und zu untersuchen, wie die Kanten eigentlich wirklich aussehen. Am Anfang sahen diese in der Malerei noch unsauber aus, die Perspektive passte irgendwie nicht. Aber nochmal zurück zur Ausstellung. Die Wandmalerei ist keine feste Installation, sondern die Werke, die darauf hängen sind austauschbar. Die Bedingung ist, dass die Leinwände eine farbige Kante bekommen, wodurch sie sich in die Malerei auf der Wand integrieren. Dabei ist das Motiv natürlich nicht ganz unwichtig. Es ist ein System, ich nenne es auch System I mit dem Zusatz “Arbeitstitel”, weil man Bilder wegnehmen oder hinzufügen kann – es also einen prozesshaften Aspekt besitzt.

Machst du das dann auch zwischendurch?
Nein, aber es ist möglich.

Eine weitere Gruppenausstellung, an welcher Du mitwirkst ist jetzt in der Kunsthalle Düsseldorf, was habt Ihr da geplant?
Ja genau, da machen wir ein Gruppenprojekt, mit der Klasse Klaus Merkel. Das Thema war „Archiv“, von der Kunsthalle, mehr oder weniger vorgegeben, weil die dieses Jahr 50-jäh- riges Jubiläum haben. Die letzte Ausstellung des Jahres zeigt quasi die Zukunft der Kunst. Deswegen stellen dort Studieren- de der Akademie und von anderen Kunsthochschulen aus. Wir haben uns als Klasse mit einem Konzept beworben, weil wir schon mal zum Thema Archiv gearbeitet haben. Beim Rund- gang 2015 war die Idee, dass wir wirklich alles zeigen wollen, was wir haben, aber das ist hier platztechnisch nicht möglich. Wir haben uns dazu entschieden die Arbeiten nicht klassisch zu präsentieren, sodass man die Arbeiten auch wirklich sehen kann, sondern wir wollten zeigen wie viel da ist – eine Lagersi- tuation oder ein Archiv simulieren. Dann haben wir die Bilder senkrecht gestaffelt an der Wand angebracht, also mit der Kante an die Wand.

Wie war die Reaktion der Besucher?
Viele Besucher haben sich damals aufgeregt, dass man die Bilder gar nicht richtig sehen kann. Zwischen den Bildern war damals jeweils nur 50 cm Abstand – jetzt machen wir dasselbe, nur, dass der Abstand zwischen den Bilder auf 15 cm schrumpft. Also wird das Konzept nochmal richtig auf die Spitze getrieben in Düsseldorf. Außerdem wird es gegenüber des Gerhard Richter Spiegels hängen, wodurch die Menge der Bilder optisch verdoppelt wird. Unsere Malerei wird also nicht richtig zu sehen sein, aber es geht uns ums Konzept. Mit der Klasse arbeiten wir häufig so und ich finde es auch total spannend, zusammen konzeptionell zu arbeiten.

Nochmal zu Deiner Arbeit, gibt es noch größere Leinwände?
Nein, es sind immer entspannte Mittelformate oder Kleinformate. Weil ich ja sehr langsam arbeite, ist ein Bild dann natürlich verhältnismäßig schneller fertig als ein Größeres. Aber es ist auch ein angenehmes Format, allein im Bezug auf die physische Bearbeitung. Also wenn ich einen Farbverlauf male, dann passt das Format gut mit meiner Armgestik zusammen. Das angefangene Bild hinter dir, hat zum Beispiel mal ein größeres Format. Aber bisher habe ich eigentlich nur in den kleineren Formaten gearbeitet.

Dann ist die bevorstehende Wandarbeit mit 4x9m ja etwas ganz Neues, wann fängst Du damit an?
Am 24. November. Dann kann ich eine Woche vor Ort wohnen und von Morgens bis Abends malen – ab dem zweiten Tag dann wohl mit Muskelkater.